Sonntag, 21. Mai 2017

Bergman Frühwerk : Fängelse (Gefängnis) SE 1949

Filmregisseur Martin (Hasse Ekman) ist im Studio am Set zu seinem neuen Film. Er erhält unerwartet Besuch von seinem alten Mathematikprofessor Paul (Anders Henrikson). Beim Mittagessen erklärt Paul den Filmleuten den Anlass seines Besuchs. Er habe eine Idee für einen Film. Ein Film, der sich jeglicher Kategorisierung und moralischen Standpunkten entzieht. Ausgangssituation ist, dass der Teufel die Erde regiert und Gott tot oder abwesend ist aber alles seinen gewohnten Werdegang nimmt. Später erzählt Martin seinen Freunden Thomas (Birger Malmsten) und Sofi (Eva Henning) von der Filmidee des Professors. Thomas, der erfolglose Schriftsteller ist fasziniert von der Idee ein Filmskript über die Hölle auf Erden zu schreiben und zeigt Martin einen Artikel den er begonnen hat zu schreiben. Als Journalist begann er einen Artikel über Stockholms Nachtleben zu schreiben, den er aber wieder verwarf. Er suchte für Recherchen die junge Prostituierte Birgitta Carolina (Doris Svedlund) auf, die zusammen mit ihrer Schwester Linnea (Irma Christenson) und ihrem Verlobten Peter (Stig Olin), der gleichzeitig ihr Zuhälter ist, in einer kleinen Wohnung leben und versuchte sie über ihre Tätigkeit auszufragen, was in einer Rückblende zu sehen ist. Thomas erzählt Martin, dass dies genau die Hauptperson für seinen Film sei und dass ihr Verlobter ein wenig aussehe wie er selbst.
Eine Erzählerstimme aus dem Off erklärt, dass dies der Prolog für den folgenden Film „Fängelse“ gewesen sei, der nun beginnt. Die Erzählerstimme liest die Credits vor, während die Kamera durch eine Einkaufsstraße gleitet. Sechs Monate sind vergangen, seit dem Prolog. Birgitta Carolina ist schwanger und bricht auf der Treppe zu ihrer Wohnung zusammen. Das Kind kommt in ihrer Wohnung zur Welt und Peter und Linnea versuchen sie davon zu überzeugen das Baby in ihre Obhut zu geben, da die staatlichen Instanzen es ihr eh wegnehmen würden. Thomas und Sofi besuchen Martin am Filmset, wo Sofi Martin unter vier Augen erzählt, dass ihre Beziehung zu Thomas immer schwieriger wird. Am Abend in Thomas und Sofis Wohnung : Beide haben zu viel getrunken. Thomas setzt einen Abschiedsbrief für ihn und Sofi auf und versucht Sofi im Suff beizubringen warum sie sich umbringen sollten. Fassungslos über sein Verhalten schlägt Sofi Thomas mit einer Flasche nieder als er versucht sie zu erwürgen. Währenddessen sucht die Polizei nach Birgitta Carolina. Als sie nach Hause kommt und die zwei Polizisten sieht läuft sie weg und versteckt sich im Keller des Hauses, wird jedoch Minuten später dort von einem der Polizisten gefunden. Auf dem Revier ist auch Thomas, der behauptet er habe seine Frau ermordet. Die Polizei vernimmt Birgitta in Verdacht auf Prostitution. Ihr Verlobter Peter kann sie jedoch überzeugen, dass sie bei ihm im Geschäft arbeitet. Thomas nimmt einen Polizisten mit in seine Wohnung um ihm die Leiche von Sofi zu zeigen. Der Polizist findet keine Leiche stattdessen aber einen Brief von Sofi an Thomas in dem sie ihm schreibt, dass sie sich von ihm trennt. Draußen auf der Straße begenen Birgitta Carolina und Peter, Thomas, der dort in der Dunkelheit sitzt. Als Peter weggeht um ein Taxi zu rufen bittet Birgitta Thomas mit ihr abzuhauen. Thomas und Birgitta suchen ein Zimmer für die Nacht und kommen in einer Pension unter, in der Thomas früher gewohnt hat. Sie schlafen getrennt voneinander ein. Am nächsten Morgen will Birgitta gehen als Thomas noch schläft. Die Haushälterin bietet ihr Kaffee an. Am Tisch sitzt ihre Cousine Anna. Als sich zu der Runde der Liebhaber von Anna gesellt und dieser Brigitta erkennt, verläßt sie den Raum wieder. Sie belauscht das junge Pärchen und bekommt ein Gespräch mit wo es um Heirat und Kinder geht. Thomas ist mittlerweile erwacht und hat einen alten Cinematograph gefunden. Gemeinsam schauen sie sich einen kleinen Slapstick Film an, in dem ein Mann vom Teufel, dem Tod, einem Dieb und der Polizei in seinem Zimmer heimgesucht wird. Hier in diesem Zimmer verbringen die beiden eine kurze Zeit in der sie sich näher kommen. Eines Nachts hat Birgitta einen Traum, der sie durch eine starre Menschenmenge führt und am Ende sieht sie Peter, wie der ihr Kind tötet. Sie erzählt Thomas von dem Kind, dass ihr weggenommen wurde. Peter und Linnea erfahren aus der Zeitung, dass die Leiche des Kindes gefunden wurde. Sie beschließen Birgitta zu suchen weil sie Angst davor haben sie könnte der Polizei zu viel erzählen. Peter taucht in Thomas Wohnung auf und trifft dort auf Sofi und Martin. Er erzählt ihnen, dass Thomas krank sei und dass Sofi mit ihm sprechen sollte. Er erpresst sie indem er ihr erzählt, dass die Polizei sehr daran interessiert sei die Mutter des Kindes für den Mord verantwortlich zu machen und dass er nur seine Verlobte wiederhaben möchte. Sie suchen Thomas auf, der aber bei Birgitta Karolina bleiben möchte weil er in sie verliebt sei. Als Thomas nach ihr fragt ist Birgitta verschwunden und zu Peter, in ihr altes Leben, zurückgekehrt. Linnea erzählt Birgitta, dass das Baby zu töten einfacher war als eine Katze umzubringen. Als Peter sie fragt ob sie ihn liebe, klingelt es an der Tür. Es ist Thomas dem sie erklärt, dass sie bei Peter und Linnea bleiben werde. Niedergeschlagen treibt es Thomas raus in die Kälte. Bei Peter und Linnea kommt ein Stammkunde vorbei, der Birgitta schon früher misshandelt hat. Als sie sich ihm nicht fügen will drückt er seine Zigarette auf ihrem Arm aus. Des Nachts als Peter und Linnea schlafen geht Birgitta in den Keller und schneidet sich dort die Pulsadern auf. Sie stirbt einen langsamen Tod. Peter findet ihren Leichnam und trägt sie voller Schmerz die Stufen hinauf. Thomas kehrt zu Sofi zurück und fragt sie ob sie nochmal neu beginnen wollen. Sofi kümmert sich um ihn, sagt aber, dass sie Zeit brauche.
Zurück im Filmstudio erzählt ein Kollege Martin, dass Thomas zu Sofi zurückgekehrt ist und dass Birgitta sich umgebracht hat. Er fragt ihn ob aus ihrer Geschichte nun ein Film über die „Hölle auf Erden“ entstehen könnte. Als sein Mathematikprofessor sich dazugesellt und ihn auch die Frage stellt, verneint er diese. So ein Film würde mit einer Fangfrage über das Leben auf Erden enden, die unbeantwortet bleiben würde.


Fängelse ist der erste Film, den Bergman nach einer eigenen Idee und Vorlage inszenierte. Es ist auch der letzte Film, den er für den unabhängigen Produzenten Lorens Marmstedt inszenierte. Fängelse war ein finanzieller Mißerfolg. Wenn man sich den Film heute ansieht, verwundert das in der Tat nicht. Zu schwierig, zu düster und äußerst brutal ist das was uns hier präsentiert wird.
Anschließend zu den vorherigen Regiearbeiten Bergmans steckt in diesem Film auch wieder ein Sozialdrama, doch die Ausgangssituation ist diesmal eine andere. Fängelse ist ein kleines Meta-Spiel mit den Ebenen. Ein Film im Film, was erst einmal verwirrend ist, da die Ebenen in einander übergehen. Der Film beginnt mit einem Prolog im Filmstudio, der uns aber erst nach seiner Laufzeit als Prolog bekanntgegeben wird, als der Regisseur des Films, die Credits einliest. Die Stimme, die wir hören ist höchstwahrscheinlich die Ingmar Bergmans. Wir sehen keine Credits sondern nur eine Kamerafahrt und hören die Stimme des Erzählers, der die Credits vorliest. Dann beginnt der Film, in dem wir das, was im Prolog verhandelt wurde, als stilisierte Filmgeschichte erleben und endet mit einem Epilog, wieder im Filmstudio, in dem uns gesagt wird, dass dieser Film, den wir gerade gesehen haben, nicht realisierbar ist.
Im Prolog des Films erklärt Martins alter Professor, die Idee zu einem Film, in dem das Leben eine einzige Qual ist. Die Hölle auf Erden. Gott ist abwesend. Der Teufel regiert. In Auszügen erklärt er :
I would like you to make a film about hell. It should open with a proclamation by the devil himself : As i seize control over the nations and people here on earth, i wish to make the following decree : Everything will remain the same to keep you all from taking the easy way out. The atom bomb will be outlawed. The man who dropped the bomb on hiroshima will be put on trial and sentenced to death as the enemy of all mankind.
The sentimental and fearful can seek solace in religion. While the weary or indifferent can commit suicide.
God is dead, vanquished or whatever. You must admit that it´s easier to see things in that light. I guess i´m being a bit ironic. Life cuts a path like a cruel and sensual arc from cradle to the grave. A great laughing masterpiece. Simultaneously beautiful and hideous, without mercy or meaning. And then there´s the devil himself. He´s mostly a symbol or a figurehead. The devil reigns over this hell that is earth. Isn´t that a good idea for a film ?"
Der Dialog findet während einer Drehpause beim Mittagessen zwischen Martin, Paul und Schauspielern statt. Es ist einmal die Art von Szene, die Bergman später so ähnlich auch in Smultronstället inszeniert, als die Anhalter über philosophische und theologische Themen debattieren, aber auch eine Welt, die hier beschrieben wird, wie er sie in vielen folgenden Filmen zeigen wird. Die Abwesenheit Gottes. Hier als Idee zu einem Film.
Der eigentliche Film wird dann in der nächsten Szene, während des Prologs, geboren, als Thomas Martin von seinen Recherchen über Birgitta Carolina berichtet. Thomas ist dabei genau die suchende und vom Leben verzweifelte Figur, wie Bergman sie ab Ende der 50er Jahre in so vielen Filmen zeigen wird. Die Szene als er versucht seine Frau Sofi, im Suff, zu erwürgen, spricht dafür Bände. Am hellichten Tag sieht er aus dem Fenster heraus spielenden Kindern zu und ist angewidert von jeder Form des Lebens. Er versucht Sofi davon zu überzeugen, dass der Tod der einfache Ausweg aus dieser Hölle ist.
Birgitta Carolinas Geschichte steht für das Leiden und für die Hölle, die Thomas durchschreitet, sowie für die eingehende These des Mathematikprofessors Paul.
Eine brutale Leidensgeschichte, par excellence, wird hier erzählt. Eine minderjährige Prostituierte zerbricht an der Welt, die sich gegen sie stellt. Ihr Kind wird ihr genommen und umgebracht. Die Flucht aus ihrer Situation, treibt sie nur wieder in die Abhängigkeit von Peter, ihrem Zuhälter. Der einzige Ausweg für sie ist der Tod.
Bergman zeigt diese Leidensgeschichte so naturalistisch und drastisch, wie es ihm zu der Zeit möglich gewesen ist, verfremdet sie aber auch stilistisch, so dass sie immer auch bewußt als Film wahrgenommen wird. Besonders in den Traumszenen ist das Licht und Schattenspiel äußerst expressiv. Aber auch in der Ausleuchtung Birgittas ist ganz klar die Filmillusion im Vordergrund.
Im Kontrast zum „wirklichen“ Leben, was innerhalb von Fängelse ja auch nur eine Filmebene ist, zeigt Bergman den Regisseur Martin, der definitiv als Alter Ego herhalten kann, bei der Arbeit im Studio :
Was insofern interessant ist, da nach dieser Szene der Streit zwischen Thomas und Sofi gezeigt wird. Bergmans Meta-Spiel mit den Ebenenen nimmt hier das Ende von Thomas und Sofis Beziehung vorweg. Als Film. Thomas, der mit Sofi bei den Dreharbeiten anwesend ist, fragt Martin danach „Who wrote that trash“ ? Worauf Martin antwortet :“I did“.
In einer anderen Szene, nachdem Birgitta Thomas weggeschickt hat, sieht er draußen in der Kälte ein Filmplakat :
  Das Filmplakat ist zugeklebt mit einem anderen Plakat. Fast so als ob die eine Realität die andere fragen würde bzw. Bezug auf die andere nimmt.
Als Birgitta und Thomas sich in der Pension, wo Thomas in seiner Jugend gewohnt hat, ein Zimmer nehmen, ist diese Szene besonders durch die Szene mit dem Kinematographen ein Blick in Bergmans Kindheit. Einmal dadurch, dass Bergman in seiner Kindheit solche kleinen Slapstick Filme geliebt hat, dann ist diese Szene aber auch ein Verweis auf die filmische Reflexion von Fängelse, die dritte Filmebene. Ein kleiner Slapstick in dem der Teufel und der Tod auf lustige Art einen Mann in die Wand springen lassen.
Der Film taucht viele Jahre später nochmal in Bergmans Schaffen auf. Als Teil des Prologs und der Inserts bei „Persona“, dem wohl ultimativen Film, der über sich selbst nachdenkt. Was Fängelse angeht, so ist dieser Film im Film eines Filmes vielleicht auch das Quadrat aus dem ein Ausbruch möglich ist. Nur in der Illusion des Kinos können wir aus diesem Gefängnis fliehen. 
Birgitta erzählt Thomas von einem Traum, den sie hatte, in dem sie einen Stein geschenkt bekommt, der wie sie sagt, das schönste Geschenk ihres Lebens ist, etwas das man wertschätzt. Später träumt sie diesen Traum weiter und er verwandelt sich in einen Alptraum, da die Mitschuld am Tod ihres Kindes tief in ihr lastet. Bergman findet für diesen Traum expressionistische Bilder und filmt später den Selbstmord Birgittas auf ähnliche Weise : 
Im Epilog stellt Paul dem Regisseur Martin die Frage ob der Film realisiert werden könnte und Martin antwortet, dass so ein Film nicht machbar wäre, da er mit einer Fangfrage an das Leben im Allgemeinen enden würde und das niemand da wäre, dem er diese Frage stellen könnte. Worauf ihn Paul fragt ob er an Gott glauben würde, was Martin verneint, denn das wäre ein zu einfacher Ausweg.

Fängelse sticht aus dem Frühwerk Bergmans schon deshalb heraus weil Bergman hier ganz kompromisslos seine Vision verfilmt. Vielleicht gehe ich damit zu weit ihn als Schlüsselfilm zu bezeichnen aber als „Missing Link“ ist er definitiv essentiell ! Obwohl das Spiel mit den Realitätsebenen nicht ganz aufgeht und viele Szenen symbolisch überhöht wirken und die Charaktere die Komplexität der späteren Werke oftmals nur streifen ist der Film wegen seiner drastischen Offenheit packend und besonders als Bindeglied zu den späteren Filmen unerlässlich.Besonders als Meta-Film ist er vor allem eins : Hochinteressant und wie einige Werke aus seinem Schaffen der 40er Jahre definitiv unterbewertet. 
In Törst seinem nächsten Film wird er seine expressiven Bilder, psychischer Welten fortführen. Mit Törst begann vor 4 Jahren auch unsere Bergman Reise. Fängelse gefällt mir jedenfalls um einiges besser.
8/10