Montag, 5. Juni 2017

April & Mai 2017 : Alle Filme

Die letzten 2 Monate waren vor allem durch kleine Reihen geprägt. Im April ausgehend, von ein paar Filmen von D. W. Griffith, dessen "Birth of a Nation" ich mir ansehen wollte, bevor der mit gleichem Titel versehene Film von Nate Parker in die Kinos kommt. Nach einer Woche war der Film sofort wieder aus den Kinos verschwunden. Eventuell werde ich Parkers Sklavendrama an anderer Stelle nachholen. Den Griffith Film habe ich nicht gewertet, da ich es äußerst schwierig finde, einem Film gerecht zu werden, der einerseits die Geburtsstunde des Kinos darstellt und formal sowie dramaturgisch ein echtes Meisterwerk ist aber auf der anderen Seite ideologisch so fragwürdig, so rassistisch und revisionistisch. Weiter ging es mit einigen "John Ford" Filmen, wo ich immer das Gefühl hatte, ich müßte jetzt das ganze Werk sofort sichten und enden tat der April mit einer kleinen Reihe von "Anthony Mann" Western.
Der Mai war dann vor allem durch Filme des Japaners "Kiyoshi Kurosawa" geprägt, sowie von den subversiven B-Pictures eines "Larry Cohen".
Nun denn. Hier also mal wieder mein letterboxd Diary in Blogform. Kleine Reviews findet man, wie immer, bei letterboxd.

10/10 Große Liebe, Meisterwerk, mindblowing, Sternstunde
9/10 sehr, sehr gut, fabelhaft, exzellent
8/10 gut - richtig gut, großartig, nix zu meckern
7/10 gut, mit einigen Abstrichen
6/10 ok, mit Momenten
5/10 mittelmäßig mit einigen Momenten
4/10 mies mit wenigen Momenten
3/10 mies ohne Momente
2/10 Beschissen
1/10 Richtig beschissen
0/10 Sondermüll

* = keine Erstsichtung
(DC) = Directors Cut
(3D) = Mit Brille
(Kino) = im Kino gesehen
(short) = Kurzfilm

April


Loving 2016 (Jeff Nichols) 7-8/10
Jungle Fever 1991 (Spike Lee) 7/10
Moonlight (Kino) 2016 (Barry Jenkins) 8-9/10
Letyat zhuravli (Wenn die Kraniche ziehen) 1957 (Mikhail Kalatozov) 7-8/10
Ikiru 1952 (Akira Kurosawa) 10/10 *
Life (Kino) 2017 (Daniel Espinosa) 7/10 
The Birth of a Nation 1915 (D. W. Griffith) (keine Wertung)
Broken Blossoms 1919 (D. W. Griffith) 10/10
Chi-Raq 2015 (Spike Lee) 8/10
I am not your Negro (Kino) 2016 (Raoul Peck) 7-8/10
Way Down East 1920 (D. W. Griffith) 10/10
Go West 1925 (Buster Keaton) 9/10
The Navigator 1924 (Buster Keaton & Donald Crisp) 10/10
Texas – Doc Snyder hält die Welt in Atem 1993 (Helge Schneider & Ralf Huettner) 8/10 *
Shun liu ni liu (Time and Tide) 2000 (Tsui Hark) 10/10 *
Mauvais Sang (Die Nacht ist jung) 1986 (Leos Carax) 10/10 *
3 Bad Men 1926 (John Ford) 10/10
Sunset Song 2015 (Terence Davies) 9/10
The iron Horse 1924 (John Ford) 9/10
Midnight Special 2016 (Jeff Nichols) 7/10 *
Stagecoach 1939 (John Ford) 10/10 *
How Green was my valley 1941 (John Ford) 10/10
Exodus : Gods and Kings 2014 (Ridley Scott) 4/10
Westward the Women 1951 (William A. Wellman) 10/10
The Ox-Bow Incident 1943 (William A. Wellman) 9/10
Shane 1953 (George Stevens) 8/10
Pale Rider 1985 (Clint Eastwood) 9/10 *
Tom Horn 1980 (William Wiard)8/10
The Assassination of Jesse James by the coward Robert Ford 2007 (Andrew Dominik) 6/10
True Grit 1969 (Henry Hathaway) 8/10 *
The Homesman 2014 (Tommy Lee Jones) 7-8/10
Shoot Out 1970 (Henry Hathaway) 7/10
The Gunfighter 1950 (Henry King) 8/10
Mystic River 2003 (Clint Eastwood) 8/10 *
The Tin Star 1957 (Anthony Mann) 7-8/10
Man of the West 1958 (Anthony Mann) 9/10 
Bend of the River 1952 (Anthony Mann) 8/10 *
The Far Country 1955 (Anthony Mann) 8-9/10 *
The Man from Laramie 1955 (Anthony Mann) 7/10
The Naked Spur 1953 (Anthony Mann) 10/10 *
The Furies 1950 (Anthony Mann) 8/10

 Mai

Gojira (Godzilla) 1954 (Ishirô Honda) 10/10
Shin Gojira (Shin Gozilla) (Kino) 2016 (Hideaki Anno & Shinji Higuchi) 8/10
Busanhaeng (Train to Busan) 2016 (Sang-Ho Yeon) 6-7/10
Gozu 2003 (Takashi Miike) 9/10
Zebraman 2004 (Takashi Miike) 7/10
Kairo (Pulse) 2001 (Kiyoshi Kurosawa) 8-9/10
Kôrei (Séance) 2000 (Kiyoshi Kurosawa) 9/10
Rofuto (Loft) 2005 (Kiyoshi Kurosawa) 6/10
Guardians of the Galaxy Vol. 2 (3D) (Kino) 2017 (James Gunn) 6-7/10
Get Out (Kino) 2017 (Jordan Peele) 9/10
Cure 1997 (Kiyoshi Kurosawa) 9/10
Sommarlek (Einen Sommer lang) 1951 (Ingmar Bergman) 7/10
En lektion i kärlek (Lektion in Liebe) 1954 (Ingmar Bergman) 6/10
Kurîpî (Creepy) 2016 (Kiyoshi Kurosawa) 7-8/10
Perfect Strangers 1984 (Larry Cohen) 8/10
God told me to 1976 (Larry Cohen) 9/10
The Ambulance 1990 (Larry Cohen) 7/10
The Stuff 1985 (Larry Cohen) 6-7/10
Bone 1972 (Larry Cohen) 8-9/10
Black Caesar 1973 (Larry Cohen) 9/10
Hell up in Harlem 1973 (Larry Cohen) 7/10
Prometheus (3D) 2012 (Ridley Scott) 5/10 *
Alien : Covenant (Kino) 2017 (Ridley Scott) 4/10
Aliens 1986 (Extended Cut) (James Cameron) 8-9/10 *
The Interpreter 2005 (Sidney Pollack) 5/10
The Weight of Water 2000 (Kathryn Bigelow) 4/10
The Loveless 1980 (Kathryn Bigelow) 6/10
Point Break 1991 (Kathryn Bigelow) 10/10 *




Sonntag, 21. Mai 2017

Bergman Frühwerk : Fängelse (Gefängnis) SE 1949

Filmregisseur Martin (Hasse Ekman) ist im Studio am Set zu seinem neuen Film. Er erhält unerwartet Besuch von seinem alten Mathematikprofessor Paul (Anders Henrikson). Beim Mittagessen erklärt Paul den Filmleuten den Anlass seines Besuchs. Er habe eine Idee für einen Film. Ein Film, der sich jeglicher Kategorisierung und moralischen Standpunkten entzieht. Ausgangssituation ist, dass der Teufel die Erde regiert und Gott tot oder abwesend ist aber alles seinen gewohnten Werdegang nimmt. Später erzählt Martin seinen Freunden Thomas (Birger Malmsten) und Sofi (Eva Henning) von der Filmidee des Professors. Thomas, der erfolglose Schriftsteller ist fasziniert von der Idee ein Filmskript über die Hölle auf Erden zu schreiben und zeigt Martin einen Artikel den er begonnen hat zu schreiben. Als Journalist begann er einen Artikel über Stockholms Nachtleben zu schreiben, den er aber wieder verwarf. Er suchte für Recherchen die junge Prostituierte Birgitta Carolina (Doris Svedlund) auf, die zusammen mit ihrer Schwester Linnea (Irma Christenson) und ihrem Verlobten Peter (Stig Olin), der gleichzeitig ihr Zuhälter ist, in einer kleinen Wohnung leben und versuchte sie über ihre Tätigkeit auszufragen, was in einer Rückblende zu sehen ist. Thomas erzählt Martin, dass dies genau die Hauptperson für seinen Film sei und dass ihr Verlobter ein wenig aussehe wie er selbst.
Eine Erzählerstimme aus dem Off erklärt, dass dies der Prolog für den folgenden Film „Fängelse“ gewesen sei, der nun beginnt. Die Erzählerstimme liest die Credits vor, während die Kamera durch eine Einkaufsstraße gleitet. Sechs Monate sind vergangen, seit dem Prolog. Birgitta Carolina ist schwanger und bricht auf der Treppe zu ihrer Wohnung zusammen. Das Kind kommt in ihrer Wohnung zur Welt und Peter und Linnea versuchen sie davon zu überzeugen das Baby in ihre Obhut zu geben, da die staatlichen Instanzen es ihr eh wegnehmen würden. Thomas und Sofi besuchen Martin am Filmset, wo Sofi Martin unter vier Augen erzählt, dass ihre Beziehung zu Thomas immer schwieriger wird. Am Abend in Thomas und Sofis Wohnung : Beide haben zu viel getrunken. Thomas setzt einen Abschiedsbrief für ihn und Sofi auf und versucht Sofi im Suff beizubringen warum sie sich umbringen sollten. Fassungslos über sein Verhalten schlägt Sofi Thomas mit einer Flasche nieder als er versucht sie zu erwürgen. Währenddessen sucht die Polizei nach Birgitta Carolina. Als sie nach Hause kommt und die zwei Polizisten sieht läuft sie weg und versteckt sich im Keller des Hauses, wird jedoch Minuten später dort von einem der Polizisten gefunden. Auf dem Revier ist auch Thomas, der behauptet er habe seine Frau ermordet. Die Polizei vernimmt Birgitta in Verdacht auf Prostitution. Ihr Verlobter Peter kann sie jedoch überzeugen, dass sie bei ihm im Geschäft arbeitet. Thomas nimmt einen Polizisten mit in seine Wohnung um ihm die Leiche von Sofi zu zeigen. Der Polizist findet keine Leiche stattdessen aber einen Brief von Sofi an Thomas in dem sie ihm schreibt, dass sie sich von ihm trennt. Draußen auf der Straße begenen Birgitta Carolina und Peter, Thomas, der dort in der Dunkelheit sitzt. Als Peter weggeht um ein Taxi zu rufen bittet Birgitta Thomas mit ihr abzuhauen. Thomas und Birgitta suchen ein Zimmer für die Nacht und kommen in einer Pension unter, in der Thomas früher gewohnt hat. Sie schlafen getrennt voneinander ein. Am nächsten Morgen will Birgitta gehen als Thomas noch schläft. Die Haushälterin bietet ihr Kaffee an. Am Tisch sitzt ihre Cousine Anna. Als sich zu der Runde der Liebhaber von Anna gesellt und dieser Brigitta erkennt, verläßt sie den Raum wieder. Sie belauscht das junge Pärchen und bekommt ein Gespräch mit wo es um Heirat und Kinder geht. Thomas ist mittlerweile erwacht und hat einen alten Cinematograph gefunden. Gemeinsam schauen sie sich einen kleinen Slapstick Film an, in dem ein Mann vom Teufel, dem Tod, einem Dieb und der Polizei in seinem Zimmer heimgesucht wird. Hier in diesem Zimmer verbringen die beiden eine kurze Zeit in der sie sich näher kommen. Eines Nachts hat Birgitta einen Traum, der sie durch eine starre Menschenmenge führt und am Ende sieht sie Peter, wie der ihr Kind tötet. Sie erzählt Thomas von dem Kind, dass ihr weggenommen wurde. Peter und Linnea erfahren aus der Zeitung, dass die Leiche des Kindes gefunden wurde. Sie beschließen Birgitta zu suchen weil sie Angst davor haben sie könnte der Polizei zu viel erzählen. Peter taucht in Thomas Wohnung auf und trifft dort auf Sofi und Martin. Er erzählt ihnen, dass Thomas krank sei und dass Sofi mit ihm sprechen sollte. Er erpresst sie indem er ihr erzählt, dass die Polizei sehr daran interessiert sei die Mutter des Kindes für den Mord verantwortlich zu machen und dass er nur seine Verlobte wiederhaben möchte. Sie suchen Thomas auf, der aber bei Birgitta Karolina bleiben möchte weil er in sie verliebt sei. Als Thomas nach ihr fragt ist Birgitta verschwunden und zu Peter, in ihr altes Leben, zurückgekehrt. Linnea erzählt Birgitta, dass das Baby zu töten einfacher war als eine Katze umzubringen. Als Peter sie fragt ob sie ihn liebe, klingelt es an der Tür. Es ist Thomas dem sie erklärt, dass sie bei Peter und Linnea bleiben werde. Niedergeschlagen treibt es Thomas raus in die Kälte. Bei Peter und Linnea kommt ein Stammkunde vorbei, der Birgitta schon früher misshandelt hat. Als sie sich ihm nicht fügen will drückt er seine Zigarette auf ihrem Arm aus. Des Nachts als Peter und Linnea schlafen geht Birgitta in den Keller und schneidet sich dort die Pulsadern auf. Sie stirbt einen langsamen Tod. Peter findet ihren Leichnam und trägt sie voller Schmerz die Stufen hinauf. Thomas kehrt zu Sofi zurück und fragt sie ob sie nochmal neu beginnen wollen. Sofi kümmert sich um ihn, sagt aber, dass sie Zeit brauche.
Zurück im Filmstudio erzählt ein Kollege Martin, dass Thomas zu Sofi zurückgekehrt ist und dass Birgitta sich umgebracht hat. Er fragt ihn ob aus ihrer Geschichte nun ein Film über die „Hölle auf Erden“ entstehen könnte. Als sein Mathematikprofessor sich dazugesellt und ihn auch die Frage stellt, verneint er diese. So ein Film würde mit einer Fangfrage über das Leben auf Erden enden, die unbeantwortet bleiben würde.


Fängelse ist der erste Film, den Bergman nach einer eigenen Idee und Vorlage inszenierte. Es ist auch der letzte Film, den er für den unabhängigen Produzenten Lorens Marmstedt inszenierte. Fängelse war ein finanzieller Mißerfolg. Wenn man sich den Film heute ansieht, verwundert das in der Tat nicht. Zu schwierig, zu düster und äußerst brutal ist das was uns hier präsentiert wird.
Anschließend zu den vorherigen Regiearbeiten Bergmans steckt in diesem Film auch wieder ein Sozialdrama, doch die Ausgangssituation ist diesmal eine andere. Fängelse ist ein kleines Meta-Spiel mit den Ebenen. Ein Film im Film, was erst einmal verwirrend ist, da die Ebenen in einander übergehen. Der Film beginnt mit einem Prolog im Filmstudio, der uns aber erst nach seiner Laufzeit als Prolog bekanntgegeben wird, als der Regisseur des Films, die Credits einliest. Die Stimme, die wir hören ist höchstwahrscheinlich die Ingmar Bergmans. Wir sehen keine Credits sondern nur eine Kamerafahrt und hören die Stimme des Erzählers, der die Credits vorliest. Dann beginnt der Film, in dem wir das, was im Prolog verhandelt wurde, als stilisierte Filmgeschichte erleben und endet mit einem Epilog, wieder im Filmstudio, in dem uns gesagt wird, dass dieser Film, den wir gerade gesehen haben, nicht realisierbar ist.
Im Prolog des Films erklärt Martins alter Professor, die Idee zu einem Film, in dem das Leben eine einzige Qual ist. Die Hölle auf Erden. Gott ist abwesend. Der Teufel regiert. In Auszügen erklärt er :
I would like you to make a film about hell. It should open with a proclamation by the devil himself : As i seize control over the nations and people here on earth, i wish to make the following decree : Everything will remain the same to keep you all from taking the easy way out. The atom bomb will be outlawed. The man who dropped the bomb on hiroshima will be put on trial and sentenced to death as the enemy of all mankind.
The sentimental and fearful can seek solace in religion. While the weary or indifferent can commit suicide.
God is dead, vanquished or whatever. You must admit that it´s easier to see things in that light. I guess i´m being a bit ironic. Life cuts a path like a cruel and sensual arc from cradle to the grave. A great laughing masterpiece. Simultaneously beautiful and hideous, without mercy or meaning. And then there´s the devil himself. He´s mostly a symbol or a figurehead. The devil reigns over this hell that is earth. Isn´t that a good idea for a film ?"
Der Dialog findet während einer Drehpause beim Mittagessen zwischen Martin, Paul und Schauspielern statt. Es ist einmal die Art von Szene, die Bergman später so ähnlich auch in Smultronstället inszeniert, als die Anhalter über philosophische und theologische Themen debattieren, aber auch eine Welt, die hier beschrieben wird, wie er sie in vielen folgenden Filmen zeigen wird. Die Abwesenheit Gottes. Hier als Idee zu einem Film.
Der eigentliche Film wird dann in der nächsten Szene, während des Prologs, geboren, als Thomas Martin von seinen Recherchen über Birgitta Carolina berichtet. Thomas ist dabei genau die suchende und vom Leben verzweifelte Figur, wie Bergman sie ab Ende der 50er Jahre in so vielen Filmen zeigen wird. Die Szene als er versucht seine Frau Sofi, im Suff, zu erwürgen, spricht dafür Bände. Am hellichten Tag sieht er aus dem Fenster heraus spielenden Kindern zu und ist angewidert von jeder Form des Lebens. Er versucht Sofi davon zu überzeugen, dass der Tod der einfache Ausweg aus dieser Hölle ist.
Birgitta Carolinas Geschichte steht für das Leiden und für die Hölle, die Thomas durchschreitet, sowie für die eingehende These des Mathematikprofessors Paul.
Eine brutale Leidensgeschichte, par excellence, wird hier erzählt. Eine minderjährige Prostituierte zerbricht an der Welt, die sich gegen sie stellt. Ihr Kind wird ihr genommen und umgebracht. Die Flucht aus ihrer Situation, treibt sie nur wieder in die Abhängigkeit von Peter, ihrem Zuhälter. Der einzige Ausweg für sie ist der Tod.
Bergman zeigt diese Leidensgeschichte so naturalistisch und drastisch, wie es ihm zu der Zeit möglich gewesen ist, verfremdet sie aber auch stilistisch, so dass sie immer auch bewußt als Film wahrgenommen wird. Besonders in den Traumszenen ist das Licht und Schattenspiel äußerst expressiv. Aber auch in der Ausleuchtung Birgittas ist ganz klar die Filmillusion im Vordergrund.
Im Kontrast zum „wirklichen“ Leben, was innerhalb von Fängelse ja auch nur eine Filmebene ist, zeigt Bergman den Regisseur Martin, der definitiv als Alter Ego herhalten kann, bei der Arbeit im Studio :
Was insofern interessant ist, da nach dieser Szene der Streit zwischen Thomas und Sofi gezeigt wird. Bergmans Meta-Spiel mit den Ebenenen nimmt hier das Ende von Thomas und Sofis Beziehung vorweg. Als Film. Thomas, der mit Sofi bei den Dreharbeiten anwesend ist, fragt Martin danach „Who wrote that trash“ ? Worauf Martin antwortet :“I did“.
In einer anderen Szene, nachdem Birgitta Thomas weggeschickt hat, sieht er draußen in der Kälte ein Filmplakat :
  Das Filmplakat ist zugeklebt mit einem anderen Plakat. Fast so als ob die eine Realität die andere fragen würde bzw. Bezug auf die andere nimmt.
Als Birgitta und Thomas sich in der Pension, wo Thomas in seiner Jugend gewohnt hat, ein Zimmer nehmen, ist diese Szene besonders durch die Szene mit dem Kinematographen ein Blick in Bergmans Kindheit. Einmal dadurch, dass Bergman in seiner Kindheit solche kleinen Slapstick Filme geliebt hat, dann ist diese Szene aber auch ein Verweis auf die filmische Reflexion von Fängelse, die dritte Filmebene. Ein kleiner Slapstick in dem der Teufel und der Tod auf lustige Art einen Mann in die Wand springen lassen.
Der Film taucht viele Jahre später nochmal in Bergmans Schaffen auf. Als Teil des Prologs und der Inserts bei „Persona“, dem wohl ultimativen Film, der über sich selbst nachdenkt. Was Fängelse angeht, so ist dieser Film im Film eines Filmes vielleicht auch das Quadrat aus dem ein Ausbruch möglich ist. Nur in der Illusion des Kinos können wir aus diesem Gefängnis fliehen. 
Birgitta erzählt Thomas von einem Traum, den sie hatte, in dem sie einen Stein geschenkt bekommt, der wie sie sagt, das schönste Geschenk ihres Lebens ist, etwas das man wertschätzt. Später träumt sie diesen Traum weiter und er verwandelt sich in einen Alptraum, da die Mitschuld am Tod ihres Kindes tief in ihr lastet. Bergman findet für diesen Traum expressionistische Bilder und filmt später den Selbstmord Birgittas auf ähnliche Weise : 
Im Epilog stellt Paul dem Regisseur Martin die Frage ob der Film realisiert werden könnte und Martin antwortet, dass so ein Film nicht machbar wäre, da er mit einer Fangfrage an das Leben im Allgemeinen enden würde und das niemand da wäre, dem er diese Frage stellen könnte. Worauf ihn Paul fragt ob er an Gott glauben würde, was Martin verneint, denn das wäre ein zu einfacher Ausweg.

Fängelse sticht aus dem Frühwerk Bergmans schon deshalb heraus weil Bergman hier ganz kompromisslos seine Vision verfilmt. Vielleicht gehe ich damit zu weit ihn als Schlüsselfilm zu bezeichnen aber als „Missing Link“ ist er definitiv essentiell ! Obwohl das Spiel mit den Realitätsebenen nicht ganz aufgeht und viele Szenen symbolisch überhöht wirken und die Charaktere die Komplexität der späteren Werke oftmals nur streifen ist der Film wegen seiner drastischen Offenheit packend und besonders als Bindeglied zu den späteren Filmen unerlässlich.Besonders als Meta-Film ist er vor allem eins : Hochinteressant und wie einige Werke aus seinem Schaffen der 40er Jahre definitiv unterbewertet. 
In Törst seinem nächsten Film wird er seine expressiven Bilder, psychischer Welten fortführen. Mit Törst begann vor 4 Jahren auch unsere Bergman Reise. Fängelse gefällt mir jedenfalls um einiges besser.
8/10

Samstag, 1. April 2017

März 2017 Alle Filme

Der letzte Monat begann mit einer kleinen Diskussion, die ich mit einem Freund über das Für und Wider von Zahlenbewertungen, führte. Näher ging es darum, wie man vollkommen unterschiedliche Filme mit einer identischen Bewertung nebeneinander stellen kann und somit ins Verhältnis setzt und welche Kriterien da greifen.
Schwer zu vermitteln ist das natürlich, innerhalb einer Liste zu sagen, dass die Filme im Verhältnis zueinander eher selten stehen, da es natürlich in dieser Form anders aussieht. Es ist eben im Grunde nichts anderes als die Blog Form meines Filmtagebuchs, welches ich bei letterboxd führe. Im Grunde nur eine Art Wegweiser, der mich aber auch immer wieder zum Stolpern bringt. In dem ich aber auch versuche jeglichen Unterschied zwischen U & E zu vermeiden.
Manche Bewertungen sind tatsächlich ziemlich schwierig, wie zb. die Bewertung der Hitchcock Filme, die ich letzten Monat sah. Manche Bewertungen ändern sich, wie zb. "Rebel without a cause", der sonst immer eine 10/10 Bewertung hatte, diesmal aber aufgrund einiger weniger Kritikpunkte einen Schritt zurück gemacht hat. Andere Filme sind vielleicht zu hoch bewertet, wie zb. "28 Days later", der aufgrund der zweiten Hälfte eigentlich eine 7-8/10 bekommen müßte.
Aber um genau das festzuhalten ist ja so eine Filmtagebuch auch gut.
Kurze Reviews zu einzelnen Filmen wie immer bei letterboxd
 
10/10 Große Liebe, Meisterwerk, mindblowing, Sternstunde
9/10 sehr, sehr gut, fabelhaft, exzellent
8/10 gut - richtig gut, großartig, nix zu meckern
7/10 gut, mit einigen Abstrichen
6/10 ok, mit Momenten
5/10 mittelmäßig mit einigen Momenten
4/10 mies mit wenigen Momenten
3/10 mies ohne Momente
2/10 Beschissen
1/10 Richtig beschissen
0/10 Sondermüll

* = keine Erstsichtung
(DC) = Directors Cut
(3D) = Mit Brille
(Kino) = im Kino gesehen
(short) = Kurzfilm

Häxan 1922 (Benjamin Christensen) 10/10 *
Dödskyssen (Der Todeskuss) 1916 (Victor Sjöström) (Fragment)
Körkarlen (Der Fuhrmann des Todes) 1921 (Victor Sjöström) 9/10
Silence (Kino) 2016 (Martin Scorsese) 8/10
Hamnstad (Hafenstadt) 1948 (Ingmar Bergman) 8/10 *
Till Glädje (An die Freude) 1950 (Ingmar Bergman) 5/10
Der müde Tod 1921 (Fritz Lang) 8/10
Das wandernde Bild 1920 (Fritz Lang) 8/10
Secret beyond the door 1947 (Fritz Lang) 7/10
4 mosche di velluto grigio (4 Fliegen auf grauem Samt) 1971 (Dario Argento) 7/10
Il gatto a nove code (Die neunschwänzige Katze) 1971 (Dario Argento) 6/10
Opera 1987 (Dario Argento) 9/10 *
Gaslight 1944 (George Cukor) 10/10
Kong : Skull Island (Kino) 2017 (Jordan Vogt-Roberts) 3/10
King Kong 1933 (Merian C. Cooper & Ernest B. Schoedsack) 9/10 *
Cobra Woman 1944 (Robert Siodmak) 6/10
Leave her to Heaven 1945 (John M. Stahl) 10/10
Steve Jobs 2015 (Danny Boyle) 4/10
Criss Cross 1949 (Robert Siodmak) 8/10
Rebel without a cause 1955 (Nicholas Ray) 9/10 *
The Underneath 1995 (Steven Soderbergh) 3/10
The Truth about Charlie 2002 (Jonathan Demme) 6-7/10
The Lodger 1927 (Alfred Hitchcock) 9/10
Downhill 1927 (Alfred Hitchcock) 6/10
Blackmail (sound) 1929 (Alfred Hitchcock) 8/10
The 39 Steps 1935 (Alfred Hitchcock) 8-9/10
Secret Agent 1936 (Alfred Hitchcock) 8/10
Sabotage 1936 (Alfred Hitchcock) 7-8/10
Hitchcock/Truffaut 2015 (Kent Jones) 6/10
A Matter of Life and Death 1946 (Michael Powell & Emeric Pressburger) 10/10
Little Men (Kino) 2016 (Ira Sachs) 6-7/10
Vacuuming completely nude in paradise 2001 (Danny Boyle) 5/10
Trainspotting 1996 (Danny Boyle) 8/10 *
Slumdog Millionaire 2008 (Danny Boyle) 7/10 *
28 Days later 2002 (Danny Boyle) 8/10 *
Treffer 1984 (Dominik Graf) 7/10
T2 : Trainspotting (Kino) 2017 (Danny Boyle) 5/10
Dealer 1999 (Thomas Arslan) 6-7/10
Jimmy Orpheus (Kino) 1966 (Roland Klick) 7/10
Heiligabend auf St. Pauli (Kino) 1968 (Klaus Wildenhahn) 6/10
Supermarkt 1974 (Roland Klick) 8/10

Sonntag, 19. März 2017

Bergman Frühwerk : Hamnstad (Hafenstadt) SE 1948


Matrose Gösta (Bengt Eklund) kommt nach 8 Jahren auf See, wieder in seine Heimat Göteborg. Im Hafen wird er Zeuge eines Vorfalls und sieht wie sich ein junges Mädchen (Nine-Christine Jönsson) im Hafenbecken ertränken will. Sie wird gerettet. Er sucht seinen Freund Skåningen (Harry Ahlin) auf, bei dem er wohnen kann und der ihm am darauffolgenden Tag Arbeit im Hafen verschafft. Abends überredet Skåningen Gösta mit in ein Tanzlokal zu kommen. Dort begegnet er Berit (Nine-Christine Jönsson) wieder, die sich umbringen wollte. Kurz bevor sie das Lokal verlassen, trifft Berit auf Gertrud (Mimi Nelson), die sie von früher kennt, mit der sie aber nichts mehr zu tun haben möchte. Sie gehen zu Berits Wohnung, wo sie zusammen mit ihrer Mutter (Berta Hall) wohnt. Berits kühle, reservierte Art wirkt auf Gösta anziehend und sie verbringen die Nacht miteinander. Am nächsten Morgen verabreden sie sich für Mittwochabend, kurz darauf kommt Berits Mutter in die Wohnung und wundert sich, dass Berit noch nicht in der Fabrik bei der Arbeit ist. Ihre Mutter fängt an sie wegen der letzten Nacht auszufragen und es kommt zum Streit. Sie droht damit die Sozialarbeiterin Fr. Vilander (Birgitta Valberg) anzurufen, worauf Berit Panik bekommt, dass ihre Mutter sie wieder ins Erziehungsheim schicken könnte. In der Fabrik wird Berit plötzlich zum Chefingenieur (Hans Strååt) gerufen, der der Bruder von Frau Vilander ist, die Berit in seinem Büro erwartet. Auf dem Weg dorthin macht ihr Kollege (Yngve Nordwall) ihr sexuelle Avancen. Nachdem Berit im Büro ihrer Verzweiflung Ausdruck verleiht, versucht ihr der Chefingenieur Bengt eine Chance auf eine andere Arbeit zu geben. Seine Schwester meint danach, unter vier Augen, ihm die aussichtslose und schwierige Situation, in der sich Berit befindet, zu erklären. Am Mittwoch reagiert Gösta lustlos auf die Fragen seiner Freunde ob er Berit ausführen wolle. Berit, die sich schon zum Ausgehen fertig gemacht hat, wartet auf Gösta, der sich aber nicht meldet. Es kommt zum Streit zwischen ihr und ihrer Mutter, die verhindern will, dass Berit sich mit Gösta trifft. Als ihre Mutter gegangen ist, schweifen ihre Gedanken zurück in ihre Kindheit als sich ihr Vater (Nils Dahlgren), der an einer Nervenkrankheit leidet und ihre Mutter streiten. Berit fährt allein zum Kino und trifft im Bus auf Gösta. Als sie ihn fragt, warum er nicht gekommen sei, hat er keine Antwort darauf. Sie schauen sich einen schwedischen Slapstick an. Nach dem Film treffen sie auf der Straße ihren Kollegen, der zusammen mit anderen Männern anfängt Berit zu belästigen. Gösta fordert die Männer heraus und es kommt in einem Lagerraum zur Schlägerei, bei der Gösta den Kürzeren zieht. Am nächsten Tag, in der Fabrik, ohrfeigt Berit ihren Kollegen. Gösta und Berit mieten sich über das Wochenende in einem schicken Hotel auf dem Land ein. Dort trifft sie auf Gertrud, die dort arbeitet. Sie bittet Gertrud nichts aus ihrer Vergangenheit zu erzählen. Gertrud erzählt ihr, dass sie schwanger ist und es bei Frau Krona (Sif Ruud), illegal abtreiben will. Das Geld dafür leiht sie sich bei Berit. Abends im Hotelzimmer erzählt sie Gösta von ihrer Vergangenheit und wie sie ins Erziehungsheim geschickt wurde. Als ihr Vater wegen einer Nervenkrankheit zu Hause bleiben muß, wird die Beziehung zwischen ihren Eltern immer schlimmer. Berit kommt immer seltener und immer später nach Haus. Als ihre Mutter sie eines Abends nicht in die Wohnung läßt, lernt sie Thomas (Stig Olin) kennen, mit dem sie fortan zusammen lebt. Doch ihre Mutter findet heraus, wo sie steckt und bittet um Vormundschaftshilfe, worauf Berit unter Jugendschutz gestellt wird und in eine Erziehungsanstalt eingewiesen wird. Sie erzählt von der Zeit im Erziehungsheim und wie Gertrud den Mädchen Parfum, Zigaretten und Seidenunterwäsche besorgt. Nach 14 Monaten wird sie zu einer Frau gebracht, die Berit für sie arbeiten läßt. Der Sohn dieser Frau verliebt sich in Berit, was aber seiner Mutter missfällt. Berit läuft weg, wird gefasst und kommt für 2 Jahre in ein anderes Erziehungsheim.Danach fängt sie in der Fabrik an und lernt Gunnar kennen, der sie mit zu seinen Eltern nimmt, wo sie sich zuerst gut aufgehoben fühlt, doch er klärt seine Eltern nicht über Berits Vergangenheit auf und so endet diese Beziehung mit Berits Selbstmorversuch im Hafenbecken. Gösta wird zuerst eifersüchtig und kommt nicht mit der Geschichte klar, die Berit ihm erzählt. Sein Freund Skåningen ermutigt ihn jedoch an der Beziehung festzuhalten. Als sie wieder zusammen sind, treffen sie in Berits Wohnung auf ihre Mutter, die versucht Gösta über Berit aufzuklären und ihn zweifeln läßt. Berit erhält einen Anruf von Gertrud, die ihre Hilfe braucht. Sie holt Gertrud bei Frau Kroner ab, die sie gerade behandelt hat. Sie bringt die völlig erschöpfte Gertrud zu Gösta. Doch bis der Krankenwagen kommt, stirbt Gertrud an den Folgen des Eingriffs. Gösta betrinkt sich daraufhin im Zimmer einer Prostituierten (Britta Billsten), wo er in seinem Wahn versinkt und ausagiert. Berit wird von der Polizei, ihrer Mutter und Frau Vilander vernommen. Sie soll den Namen der Frau verraten, die die Abtreibung vorgenommen hat. Berit weigert sich bis zuletzt. Erst als man ihr mit Gefängnis droht, verrät sie den Namen, da ihre Angst zu groß ist. Als sie zu ihrer Wohnung kommt, trifft sie auf Gösta, der sich für sein Verhalten entschuldigt. Er schlägt ihr vor mit einem Boot gemeinsam das Land zu verlassen. Gemeinsam mit seinem Freund Skåningen bitten sie einen englischen Kapitätn, sie mitzunehmen. Doch sie entscheiden sich zu guter Letzt dagegen und versuchen ihre Zukunft gemeinsam in der Stadt zu suchen.

Nach der Lorens Malmstädt Produktion Musik i mörker, bot Svensk Filmindustri Ingmar Bergman die Möglichkeit ein Manuskript von Olle Länsberg zu verfilmen. Bergman überarbeitete das Skript Guldet och murarna (Gold und Mauern) und arbeitete hier zum ersten Mal mit Kameramann Gunnar Fischer, der bis auf wenige Ausnahmen sein Stammkameramann bis Anfang der 60er Jahre bleiben wird. 

Hamnstad fügt sich ersteinmal in die Reihe von Filmen aus dem Frühwerk, die ein junges Paar, welches gegen die unmenschliche Gesellschaft aufbegehrt, in den Vordergrund rückt. Mit der Ausnahme, dass hier der Fokus ganz unbedingt auf die Figur der jungen Berit, durchdringend gespielt von Nine-Christine Jönsson, gelegt wird. 
Andreas nennt Hamnstad den ersten, formvollendeten, richtig ausgereiften Bergman Film und da bin ich auch ganz bei ihm. Vor allem ist Hamnstad der erste richtige "Frauen-Film" von Bergman
Berit ist eine voll reflektierende, wahrhaftige junge Frau, die mit ihren Gefühlen ganz bei sich ist und ihre Stärke ständig geprüft wird, woran sie fast zerbricht. 
Daneben Gösta. Nach außen hin stark und maskulin, nach innen aber tief verunsichert und unentschlossen, leidet er permanent an dem Druck seine Maskulinität ausspielen zu müssen. 

Diese Unsicherheit oder besser noch Unetschlossenheit wird sehr schön in einer Dialog Szene mit ihm und seinem Freund Skåningen, der in der deutschen Synchronfassung "Schoner" heißt, veranschaulicht : 

Gösta : "Interessierst du dich gar nicht für Bücher ?" 
Skåningen : "Früher einmal. Vaters Bruder war Schullehrer und hatte ne Masse Bücher. In deinem Alter fühlt man sich leicht einsam. Man fährt zur See, man sieht die ganze Welt und glaubt trotzdem, dass man das Wichtigste versäumt. Tja, da gibt man das Lesen auf und fängt mit dem Saufen an. Die Bücher machen alles nur noch schlimmer. Aber, lies nur."  

Als Gösta dann Berit kennenlernt ist er einerseits der Typ, der sie sofort verführt und nach dem Sex eigentlich gleich gehen will aber innerlich dabei ständig mit seinen Gefühlen kämpft und dabei gegen sein eigenes Rollenbild ankämpft. Gösta verbirgt von Beginn an seine Gefühle und später auch die Zweifel, die er hat. Er ist total gefangen in diesem maskulinen Bild von sich und seiner Rolle. Als Berit sich ihm im Hotel ganz und gar öffnet, sich ihm anvertraut, ist Gösta total überfordert damit und sieht sich zuerst in seiner Männlichkeit gekränkt. Dieses Rollenbild bekommt im Laufe der Geschichte immer mehr Risse und eskaliert nach der Abtreibung von Gertruds Kind, vollkommen. Ein Werdegang, der zum Schluß in dieser expressiv, expressionistischen Szene kulminiert :
  

Wir sehen, wie sich ein Mann in seinem Wahn überwindet und neu gebiert. Heraus kommt ein Mensch. Ein Mensch, der zu sich steht, mit Gefühlen, dem die Gesellschaft egal ist. 

Eine Gesellschaft, die in ganz einfachen, kurzen Szenen, kompromisslos, deutlich, klar gezeigt wird, wie gandenlos diese ist. Er zeigt die gesamte Repression, wie Opfer der Gesellschaft kriminalisiert werden und verwebt dies mit der Kindheit. Wo man genau sieht, wie etwas weitergegeben wird. Von der Mutter an die Tochter. Mit jener perfiden Doppelmoral, in der die Mutter ihre ganzen Probleme auf die Tochter ablädt, dies dann zuschnürt, in dem sie sich selbstbemitleidet. Dieser Mutter geht es allein darum ihre Tochter zu zerstören, um ihres eigenen Selbstmitleids willen. 
Man sieht in dieser narzisstischen Mutter Figur sofort einen Prototyp, der in seiner abgründig, nüchternen Inszenierung sofort an die großen Mutter/Tochter Szenarien der späteren Jahre erinnert. 

Berit ist in vielerlei Hinsicht schon genau der Typ von "Bergman-Frau", die wir in so vielen späteren Filmen als Opfer ihrer Umstände und Umwelt sehen werden. Voll reflektierend und offen in ihren Gefühlen, ist es auch die Inszenierung, die immer wieder ihr Gesicht in Großaufnahme, mit dem Blick in die Vergangenheit zeigt : 

 Überhaupt ist dies ein Film, der zum ersten Mal, die für Bergman so berühmten Großaufnahmen zeigt. Der studierende Blick auf Gesichter, die erkundet werden und oft die gesamte Leinwand einnehmen : 
 (Gertrud, kurz nach der Abtreibung) 
(ein Bild aus der Vergangenheit in der Erziehungsanstalt)
(Bilder, präzise, offen, wie kleine Gemälde aus der Vergangenheit)

Hamnstad ist ein gesellschaftskritischer Film in dem eine junge Frau von ihrem gesamten Umfeld im Stich gelassen wird und der zeigt wie die staatliche Fürsorge nicht darauf aus ist einem Menschen zu helfen sondern nur dazu da ist ihn zu kriminalisieren und wegzudrücken. Ein Film, der ebenso deutlich die sexuelle Ausbeutung der Frau in einer christlich, konservativen Gesellschaft behandelt. 

Man könnte vielleicht einwenden, dass auf Seiten der staatlichen Fürsorge eine Figur, wie die der Frau Vilander, zu schematisch gezeichnet ist, doch ist sie im Grunde auch nur ein Rädchen im Getriebe, wo der Hauptaugenmerk des Films ganz klar auf Berit, ihre Vergangenheit, die Mutter-Tochter Beziehung und natürlich die Beziehung zu Gösta, gelegt ist.

Aus dem Frühwerk ragt Hamnstad schon deshalb heraus, weil sich hier, noch mehr als in den ersten Filmen, eine eigene Handschrift etabliert, die, auch wenn der Film sich stilistisch an den Neorealismus anlehnt, schon stark die Filme der 50er erahnen läßt und Inhalt und Form immer näher zusammen bringt. 

8/10